Jemand legte mir einen Mantel um die Schultern, aber ich spürte ihn kaum.
Karl war fort, und ein Leben ohne ihn schien unmöglich.
Ein Arzt bestätigte später den Verdacht des Rettungssanitäters. Karl war an einem Herzinfarkt gestorben.
Vier Tage später habe ich ihn begraben.
Ich habe alles selbst erledigt, weil es sonst niemanden gab, der es tun konnte.

Der einzige Familienkontakt, den ich in seinem Telefonbuch fand, war ein Cousin namens Daniel. Er kam zur Beerdigung, aber sonst niemand aus Karls Familie erschien.
Nach dem Gottesdienst stand er abseits, die Hände in den Manteltaschen, und sah aus wie jemand, der gehen wollte, aber wusste, dass es falsch aussehen würde.
Ich ging auf ihn zu, die Trauer hatte jede Sanftmut in mir ausgelöscht.
„Du bist Karls Cousin, richtig?“
Er nickte. „Daniel.“
„Ich dachte, seine Eltern würden kommen.“
„Ja…“ Er rieb sich den Nacken. „Das sind komplizierte Leute.“
Diese Worte brachten meine Wut zum Kochen. „Was soll das überhaupt heißen? Ihr Sohn ist tot.“
Er sah mich an, dann weg. „Das sind reiche Leute. Die verzeihen keine Fehler wie den, den Karl gemacht hat.“
„Welcher Fehler?“
Daniels Handy vibrierte. Er warf einen Blick darauf, als hätte es ihn gerettet.
„Tut mir leid“, sagte er schnell. „Ich muss gehen.“
„Daniel.“
Aber er war schon auf dem Weg – schnell genug, um panisch auszusehen.
Das war der erste Riss.
Das zweite Mal geschah es später in dieser Nacht, in dem Haus, das Karl und ich bewohnten.
Es wirkte alles so, als könnte er jeden Moment durch die Tür kommen, und das machte es unerträglich.
Ich legte mich hin, schloss die Augen und sah, wie er wieder zusammenbrach.
Und wieder.
Und wieder.
Noch vor Tagesanbruch stand ich auf, packte einen Rucksack und ging los.
Ich hatte keinen Plan. Ich wusste nur, dass ich keine Stunde länger in diesem Haus bleiben konnte. Also ging ich zum Bahnhof und kaufte mir ein Busticket zu einem Ort, an dem ich noch nie gewesen war, denn die Entfernung schien das Einzige zu sein, was ich noch kontrollieren konnte.
Als der Bus abfuhr, lehnte ich meinen Kopf ans Fenster und sah zu, wie die Stadt im grauen Morgengrauen verschwamm. Zum ersten Mal in dieser Woche konnte ich atmen, ohne das Gefühl zu haben, Glassplitter zu schlucken.
An der nächsten Haltestelle öffneten sich die Türen. Die Leute stiegen ein.
Einer von ihnen rutschte auf den leeren Platz neben mir, und ein vertrauter Duft schlug mir so stark entgegen, dass sich mir der Magen umdrehte.
Karls Kölnischwasser.
Ich drehte den Kopf.
Es war Karl.
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